Berchtesgadener Hochthron: Südwestwand, 6+

Anderl Hinterstoißer, Toni Kurz, 1934

Die Namen Hinterstoißer und Kurz lassen ja einiges erwarten. Steht man vor der imposanten Wand des Berchtesgadener Hochthrons und versucht, deren Linie durch die Südwestwand zu finden, wird dieses Einiges saustark. Hat man sich dann durch die Quergänge gezittert, bleibt Sprachlosigkeit vor der exzellenten Leistung der beiden Berchtesgadener und bewunderndes Kopfschütteln über deren unbedingten Willen, durch diese Wand zu klettern. Ohne Reibungskletterschuhe, ohne bequemem Hüftgurt, ohne vorhandene Sicherungen.

Mit heutigen Hilfsmitteln ist die Kletterei immerhin auch für den Durchschnittskletterer machbar, leicht ist sie freilich nicht. Die Schlüsselstelle im ersten Quergang kurz vor dem Stand, zum Beispiel, kann nicht (mehr) technisch geklettert werden und verlangt Finger- und Fußspitzengefühl im oberen 6. Grad.

Schwierigkeit: 6+, häufig 5 bis 5+

Gesamtanforderung: 3

Wandhöhe: 150 m

Kletterlänge: 200 m

Ausrichtung: SW

Dauer: 3-4 h

Absicherung: sehr gut abgesichert; zusätzliche Absicherung gut möglich

Material: 7 Expressen, mittlere Klemmgeräte

 

Karten:

BLVA UKL 4 Berchtesgadener Alpen, 1:50000

F&B WK 102 Untersberg, Eisriesenwelt, Königssee, 1:50000

 

Literatur:

AVF Berchtesgadener Alpen

 

Talort: Streusiedlung Hinterettenberg (800 m)

Ausgangspunkt: Wanderparkplatz Hinterettenberg (Wegweiser „Scheibenkaser, Berchtesgadener Hochthron, 3 ½ h")

 

Anfahrt:

AB-Ausfahrt Grödig/Salzburg-Süd, Richtung Berchtesgaden. In Marktschellenberg rechts hinauf Richtung Ettenberg.

 

Stützpunkt:

Kein Stützpunkt. Im Notfall kann vom Ausstieg in 5 Min. zum Stöhrhaus (1894 m) abgestiegen werden: DAV Berchtesgaden, bew. Anfang Mai bis Mitte Oktober; 30 L., 10 B.; Tel.: 0 86 52 – 72 33

 

Zustieg (950 Hm, 1 ½ h):

Vom Parkplatz zunächst auf Forst-, später auf Wanderweg in einer guten Stunde zum Scheibenkaser. Rechts (!) vorbei und leicht absteigend queren. Über Steigspuren links auf den von der Südwand herabziehenden Grasrücken und bis an den Wandfuß. Auf Steigspuren entlang der Südwand nach links queren, an einem auffälligen roten Ausbruch und am Warnhinweis „Nur für geübte Wanderer" vorbei bis an eine große, halbrunde Nische. Rechts davon kleine Plakette am Fels: „Alte Südwestwand / Eiskalt", hier Einstieg.

 

Abstieg (2 h): Nach Westen am Stöhrhaus vorbei und 20 Hm unterhalb des Hauses wenige Meter rechts des Weges ins Mittagsloch absteigen: Über Eisenleiter in den Schacht und über teilweise drahtversicherten Steig in 30 Minuten zum Einstieg (2). Auf Steigspuren zurück zum Scheibenkaser und weiter auf dem Zustiegsweg nach Hinterettenberg.

1. SL

Rechts der Nische einsteigen und leicht links haltend hinauf, zuletzt über Graspolster bis an den Beginn des 1. Quergangs. (20 m, 4)

2. SL

Über plattigen Fels schräg rechts empor zu geschwungenem Riss. Ab- und ansteigend nach rechts queren. Die letzten 3 m am besten etwas tiefer steigen und spreizen. Stand nach 25 m. (5+ mit 6+-Stelle)

3. SL

Über Risse 25 m senkrecht hinauf. Zum Stand nach rechts (30 m, 6, 5+/A0)

4. SL

2. Quergang: 3 Meter schräg rechts abwärts und rechts queren bis zur Wandeinkerbung. 5 Meter über einen Riss hinauf, dann leicht links haltend, zuletzt zum Stand nach rechts queren. (20 m, 6, 5+/A0)

5. SL

Unter einem Wulst über Risse schräg rechts 20 m ansteigen. Am Ende des Risses links haltend unter eine Nische. (35 m, 5+, 5/A0)

6. SL

Über Risse und Rampe links haltend zu einem Felsköpfl. (35 m, 5-)

7. SL

Senkrecht hinauf und nach rechts queren in den Schuttkessel. (25 m, 4)

8. SL

Gerade hinauf und im Trichter unter einem Wulst links haltend und wieder gerade hinauf zum Stand. (45 m, 4)

9. SL

Über Graspolster und eine kleine Rinne zum Ausstieg auf der Hochfläche. (30 m, 2)

Vom Ausstieg auf Wanderweg in 10 Minuten östlich zum Gipfel auf- oder in 5 Minuten westlich zum Stöhrhaus absteigen.

 

Zusatzbeschreibung:

Die Hauptschwierigkeiten der ersten 5 SL liegen in den beiden Quergängen: Sehr ausgesetzt muss auf steilen Platten mit kleinen Griffen quer geklettert werden. Frei geklettert im Vorstieg ein kniffliger Eiertanz auf Zehenspitzen und an Fingerkuppen, im Nachstieg ein gut gesichertes Balancieren auf Reibung. Die senkrechten Seillängen 3 und 5 sind zwar steil, aber gutgriffig und bestens abgesichert.

Alternativ-Einstieg: Kurz nach dem roten Wandausbruch beim Hinweis „Nur für geübte Wanderer" sind an einer kleinen Nische die Einstiege zu „Schwarzer Sheriff, Untersbergmanndl, Zeichen der Zeit" (Plakette am Fels): 10 m senkrecht hinauf (5+) bis unter Wulst, 3 m nach links queren und wieder 10 m senkrecht empor zu Stand der 2. SL (25 m, 7-, 6/A0). Dieser Einstieg bietet feinste, steile Kletterei in festem Fels und umgeht den ersten Quergang. Will man die „Hinterstoißer/Kurz" gegangen sein, sollte auf den ersten Quergang aber nicht verzichtet werden.