Ein Bericht von Karstens langjährigem Kletterpartner Toni Friedrich:

 

Am Dienstag den 29. Juni 2004 las ich im Schwarzen Brett der DAV Sektion Müchen und Oberland das Kletterpartnergesuch von Karsten Kriele. Karsten war zu dieser Zeit in der Vorbereitungsphase für das Buch "Alpines Genussklettern" und suchte einen Kletterpartner der spontan und vor allem auch unter der Woche mit ihm zum Klettern gehen konnte.

 

Er hatte sich vorgenommen die Touren, die in dem Buch veröffentlicht werden, selbst zu klettern um möglichst aktuelle und präzise Angaben machen zu können. Wir trafen uns am nächsten Tag bei einem Bier in der Villa Flora in München und von diesem Tag an begann eine großartige Freundschaft.

 

Wir sind oft stundenang wortlos nebeneinander zu den Einstiegen gegangen, kletterten stets nur mit Seilzug-Kommandos um die Stille der Berge nicht zu stören, kletterten souverän und schnell oft 3 Touren an einem Tag um die passenden Touren für den Auswahlführer zu finden. Kurz gesagt wir verstanden uns äußerst gut, auch wortlos, wobei wir natürlich auch lange Gespräche führten und vor allem sehr viel geblödelt hatten.

 

Eine gemeinsame Leidenschaft galt insbesondere den klassischen Führen aus dem Buch von Walter Pause's "im extremen Fels".
Ganz oben auf der Liste stand natürlich, wie bei den meisten klassischen Alpinisten, der Walkerpfeiler an der Grand Jorasses.


Es ist extrem schwierig für diese Tour die passenden Verhältnisse, ein ausreichend großes Schönwetterfenster, den ausreichenden Leistungsstand der Seilschaft und vor allem dann auch die zeitliche Verfügbarkeit des Seilpartners zu finden.

 

Nach mehreren Jahren vergeblichen Wartens, bei dem es immer an der einen oder anderen Komponente scheiterte, war es am Montag den 17. August 2009 so weit. Wir hatten gerade viele größere klassische Klettertouren absolviert, Karsten konnte sich die Arbeitstage Mi/Do freischaufeln, Meteofrance zeigte grünes Licht, seit mehr als 10 Tagen herrschten in Chamonix sehr warme Temperaturen ... der Pfeiler mit wenig Eis ... es war soweit !!

 

Am Di abend reisten wir an, schliefen auf dem Parkplatz der Montenvers Zahnradbahn und nahmen die erste Zahnradbahn um 8:00 Uhr zur Montenvers Bergstation.

 

  

 

  

 

Bei der Auffahrt lernten wir eine deutsche Seilschaft, der Bergführer Simon und seinen Freund Florian, kennen, die das gleiche Ziel wie wir verfolgten. Wir waren auch die beiden nächsten Tage immer dicht beisammen. Gemeinsam begannen wir mit dem Zustieg über das Mer de Glace zum Fuß der Grand Jorasses Nordwand.

 

  

 

 

Um 13:00 Uhr begannen wir mit dem Einstieg in den Fels und erreichten schon bald die erste schwierige Kletterlänge die "Rebuffat Risse". Ein Rückblick in Richtung Montenvers zeigte uns die große Entfernung die wir bereits zurückgelegt hatten.

 

   

 

Die später folgende 75m Verschneidung, war einfach nur Klettergenuß pur.

 

  

 

Unser Biwak verbrachten wir etwa 5 SL unterhalb des grauen Turms auf ganz akzeptablen, wenn auch sehr exponierten Sitzplätzen im Kino "Grand Jorasses".

 

   

 

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten kamen wir am nächsten morgen bald wieder in den Kletterfluß.

 

   

 

Der rote Kamin war, wie eigentlich normal, vereist und wir stauten uns an 2 englischen Seilschaften auf, die sich schon einen Tag länger in der Wand befanden.

 

   

 

 

Wir konnten die Steigeisen - Umrüst - Pause der Engländer nutzen um an Ihnen vorbei Richtung Gipfel zu ziehen.

 

   

 

 

In den letzten leichteren Seillängen, zogen wir nochmals an einer Seilschaft vorbei und erreichten gegen 17:30 in Hochstimmung den Gipfel des Grandes Jorasses. Wir führten einen Freudentanz auf, umarmten uns und waren einfach nur überglücklich ...

 

   

 

 

Wir warteten auf die nette Seilschaft Simon & Florian um mit Ihnen den gemeinsamen Abstieg zu beginnen, es stieß aber direkt auch noch eine französische Seilschaft aus Toulouse zu uns. Um 18:00 begannen wir mit dem gemeinsamen Abstieg über den Normalweg des Grandes Jorasses.

 

  

 

Karsten war einige Jahre zuvor, im Zuge einer Überschreitung, bereits am Gipfel des Grandes Jorasses und kannte somit den Weg. Er ging vorraus und führte uns souverän in Richtung der Boccalatte Hütte.

 

Gegen 23:00 Uhr befanden wir uns am unteren Ende des Reposoir-Felsens von dem an dieser Stelle üblicherweise abgeseilt wird, da das Felsgelände hier sehr steil ist. Die erste Abseilstelle hatten wir bereits absolviert und fanden nach kurzer Suche die Schlingen einer weiteren Abseilstelle an einem großen Granitblock auf dem eine ebenso große Granitplatte lag.

 

Wir standen alle zusammen auf einem Absatz neben diesem Felsblock und warteten darauf an die Reihe zu kommen. Karsten seilte sich zuerst ab. Nachdem er sich bereits 15 m weiter unten befand setzte sich plötzlich der riesige Granitblock samt Granitplatte in Bewegung. Mit lautem Getöse stürzten die Felsblöcke in die Rinne, rissen viele weitere Felsbrocken mit sich, wirbelten Unmengen von Staub auf und rissen Karsten in die Tiefe auf den etwa 80m tieferen Gletscher.

 

Wir waren alle schockiert und riefen verzweifelt nach ihm obwohl uns allen klar war, daß man eine solche Felslawine unmöglich überleben kann. Die Dunkelheit und das lose Gestein verhinderten einen Abstieg, so daß wir bis zur Dämmerung auf den verständigten Helikopter Rettungs- und Bergungsdienst warten mußten.

 

Gegen 6:30 hatten wir dann die traurige Gewissheit, Karstens Körper wurde mit dem Helikopter aus einer Gletscherspalte geborgen.

Wir sind alle tief betroffen und trauern um unseren gemeinsamen Freund. Unser besonderes Mitgefühl gilt seiner Lebensgefährtin, seiner Tochter und seinen Geschwistern.

 

Toni Friedrich

24.8.2009